Dr. Elisabeth Dickmann

Längere Texte

Der Musiker Hee Cheol Kim (1954-2018)


Ein Brückenbauer zwischen Fernost und Europa
Von Elisabeth Dickmann

Der koreanische Musiker, Komponist, Pianist, Chorleiter und Maler Hee Cheol Kim wurde am 27.03.1954 in Seoul, Korea geboren und starb infolge einer schweren Lungenerkrankung am 04.03.2018 in Bremen.

Als Komponist mit einer tiefen Liebe zu der traditionellen Musik seiner Heimat war er auf den Spuren Isang Yuns zugleich der „neuen“ Musik verpflichtet und interessierte sich besonders für die Spuren jeweils nationaler Kulturelemente in den Werken seiner zeitgenössischen Kollegen. Er war neben der Schaffung zahlreicher Kompositionen meist kammermusikalischer Art auch Instrumentallehrer, Chorleiter, Dirigent und – seine zweite kreative Seite – auch Maler. In seinen Kompositionen verband er sehr bewusst Elemente der koreanischen traditionellen Volksmusik mit der internationalen neuen Musik. Das kam besonders in seinen Liedern und seiner Kammermusik zum Tragen, die in Deutschland wie in Korea ein interessiertes Publikum fanden. Er verwendete neben den Texten von Freund*innen und Kollegen meist Gedichte der klassischen koreanischen Literatur für die Gestaltung seiner Lieder, die in koreanischer Sprache auch vorgetragen wurden und über farbenreiche Klänge und kunstvolle koloraturartige Partien der Singstimme verfügten. In der Klavierbegleitung kam jeweils eine eigenständige Klangwelt zum Ausdruck, die die typischen Klänge traditioneller koreanischer Zupf- und Schlaginstrumente andeutete. Das ergab einen intensiven Eindruck von Dramatik und Emotionalität, dem sich kein Publikum entziehen konnte.

Der Werdegang Hee Cheol Kims verlief zunächst ganz klassisch.
Von 1974 bis1978 absolvierte er ein Kompositionsstudium an der Kyung Hee University Seoul, schloss mit dem Bachelor of Music ab und belegte ein Aufbaustudium, das 1980 mit dem Master of Music endete.
Den Militärdienst hatte er bereits weitgehend im Musikkorps verbringen können und schon während seines Studiums arbeitete er als Musiklehrer an einem Gymnasium in Seoul, leitete verschiedene Kirchenchöre und konnte so schon erste Werke öffentlich vorstellen.
1977 errang er den Preis für Komposition der Koreanischen Komponisten-Gesellschaft.
1983 wurde sein Chorwerk A prayer devoted at dawn (in englischer Sprache) in einer Aufführung vom KBS-Fernsehen übertragen.
1983-1984 arbeitete er als Dozent für Komposition an der Universität, entschloss sich aber, seine Studien in Europa fortzusetzen und wurde in Bremen ansässig.
Er absolvierte 1985 bis 1991 ein Aufbaustudium Klavier und Komposition an der Hochschule für Künste in Bremen. In Meisterkursen und Privatunterricht vervollständigte er seine Studien, so 1990 im Dirigierkurs bei Sergiu Celibidache in Mainz, im Meisterkurs Komposition bei Isang Yun und durch ein privates Klavierstudium bei Stefan Möller, Wien.
1990 erhielt er ein Stipendium des Richard Wagner Verbandes Bremen für die Bayreuther Festspiele. In Korea wurden die Studierenden zumeist an den Werken Beethovens in Analyse und Interpretation geschult. In Bayreuth konnte er seine Orchestererfahrungen an der Wagnerschen Klangwelt grundlegend erweitern. 1990/91 arbeitete er an seinem Dissertationsprojekt Traditionelle Elemente koreanischer Volksmusik in internationalen zeitgenössischen Kompositionen an der Universität Bremen, die er leider nicht abgeschlossen hat. Schon die Einführung in das Thema verriet seine intensiven Kenntnisse koreanischer Musiktraditionen und einen überraschenden Blick auf die westliche zeitgenössische Musikkultur. Leider ist diese wertvolle Arbeit in seinem Nachlass nicht mehr zu finden. Zeitgleich war er als Dozent für Musiktheorie und traditionelle koreanische Musik an der Universität Bremen und an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg tätig.

Von Bremen aus fand er viele Gelegenheiten, seine Kompositionen in Konzerten in vielen deutschen Städten vorzustellen. So in Berlin im Haus der Kulturen der Welt, in Bielefeld, Bremen, Hamburg (unter anderem in der Laeiszhalle), in Marburg u.v.m., wobei viele ihre Uraufführung fanden. Anlässlich einer Konzertreise nach Italien erntete er großen Erfolg mit seinen Liedern in sehr frequentierten Urlaubsorten am Lago di Trasimeno und am Gardasee, und mit einem eigens für kleinere Kinder konzipierten Konzertprogramm mit internationalen Liedern zum Mitsingen und Zuhören erwarb er sich viele Sympathien. Auch Radio Bremen nahm mehrere seiner Werke auf.
Nach der Erlangung der unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland konnte Kim endlich mit dem Aufbau der lang geplanten privaten Schule Music and Art in Bremen beginnen. Um 2000 hatte er seine künstlerische Tätigkeit als Maler wieder aufgenommen und unterrichtete fortan in seiner Schule neben Klavier, Geige, Gesang, Komposition und Musiktheorie auch Malerei in verschiedenen Techniken. Die ursprünglich geplante Zusammenarbeit mit anderen Musikern, Studienkollegen zumeist, ließ sich vorerst nicht realisieren. 2002 bis 2003 bekam er einen Auftrag der Kunsthalle Bremen und der City-Initiative Bremen, 40 Bilder zum Thema van Gogh: Felder zu malen, die die große Van Gogh-Ausstellung in der Bremer Kunsthalle begleiten sollten. Diese und andere meist großformatigen und gegenständlichen Bilder konnte er danach in Bremen in 10 Ausstellungen zeigen. Auch in Korea wurden 2006 und 2016 Ausstellungen seiner Werke organisiert, zuletzt auf der Daejeon International Art Show. Mit seinen Kompositionen erlebte er in Korea in diesen Jahren ebenfalls viele Erfolge.

In Bremen und Hamburg hat er jahrzehntelang immer wieder als Chorleiter gearbeitet, mit besonderem Erfolg bei dem Hamburger Deutsch-Koreanischen Chor, für den er viele Kompositionen und Arrangements schuf. 2006 erlebte er einen großen Erfolg in Korea mit seinem Werk Shinil (Freunde) für Bariton, Chor und Orchester, mit dem er sein Anliegen, eine Brücke zu bauen zwischen der europäischen und der koreanischen Musik, einmal mehr zum Ausdruck brachte. Auch dieses Werk zeigt seine Vorliebe für originelle Instrumentalbesetzungen seiner Ensembles. Obwohl er großes Interesse am Zusammenspiel unterschiedlichster Instrumente hatte und dadurch überraschende Klänge entstehen ließ, hat er niemals versucht, diese Klangmischung mit synthetischen Mitteln herzustellen.

2017 erkrankte er schwer und konnte kaum noch arbeiten. Im März 2018 verstarb er im Klinikum Bremen Ost und wurde im Osterholzer Friedhof in Bremen beigesetzt. Seine Freunde verabschiedeten sich in großer Zahl in einer Trauerfeier, in der einige seiner Kompositionen, aber auch Chorwerke unter seinem Dirigat zu hören waren. Hee Cheol Kim hinterließ einen umfangreichen, aber wenig geordneten Nachlass an Kompositionen, Tonaufzeichnungen und Arrangements, die nach und nach gesichtet wurden und ins Netz gestellt werden sollen. Eine Auswahl seiner wichtigsten Kompositionen wird hier im nachfolgenden Verzeichnis genannt. Ein Artikel in Wikipedia ist in Arbeit.

Hee Cheol Kims größte Bedeutung und Wirkung liegt in seinen Kompositionen, die von tiefer Liebe zur Musikkultur seiner Heimat sprechen, aber der klassischen zeitgenössischen Neuen Musik zuzurechnen sind. Sie zeichnen sich durch interessante Kombinationen europäischer und koreanischer Instrumente sowie durch eine besondere expressive, rhythmische Stimmführung bei seinen Liedern aus, die auch die Vierteltönigkeit mit einschließt. Wie oben schon erwähnt, erzeugt das Zusammenwirken von Instrumenten und Gesang einen manchmal archaisch anmutenden, zugleich frappierend „neuen“ Klangcharakter, der seine Wirkung kaum verfehlt. In seiner Musik ist er somit der großen musikalisch-kulturellen Tradition seiner Heimat verpflichtet, die er zu bewahren suchte, da er um ihr Überleben fürchtete. Trotzdem ist er fest in der Welt der modernen zeitgenössischen Komposition verankert.

Ein Werkverzeichnis wurde erstellt, das aber nicht den Anspruch erheben kann, vollständig zu sein. Das gesamte Notenmaterial aus seinem Nachlass soll in Korea, vielleicht im Archiv seiner Universität einen Platz finden. Das Verzeichnis wurde von Gertraude Spier erstellt. Das musikalische Material befindet sich in dem von ihr angelegten Archiv Hee Cheol Kim. Nach und nach werden seine Werke ins Netz gestellt und sind bei IMSLP. Petrucci Music Library https://imslp.org abrufbar. Die Kurzbiografie wurde auf der Quellengrundlage von persönlichen Daten, Programmheften, Zeitungsberichten, eigenen Erinnerungen und Berichten von Familie und Freunden von Dr. Elisabeth Dickmann erstellt.


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